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Cilento – eine kaum wachgeküsste Schönheit


Von Sven Sevens

 

Der Mann aus dem Cilento ist ein Tausendsassa und strotzt mit seinen 56 Jahren vor Energie. „Komm, ich zeig Dir meine Heimat!“, bietet er mir beim zweiten Frühstückskaffee an. Kurz darauf drückt mir der Süditaliener ein Mountainbike in die Hand, steigt auf sein eigenes und strampelt los. Aniello Cusati hat nicht nur die Kraft der zwei Herzen, es wohnen auch mehrere Seelen in seiner Brust. Der Besitzer der Azienda Agrituristica Il Forno Antico ist „Landhotelier“, Mediziner (Gerichtsmedizin!) und Wissenschaftler an der Uni in Mailand. Unter anderem wirkte an den Antiraucher-Gesetzen in Italien mit.



Der Arco Naturale. Foto: Kay Thümmel

Auch 900 Kilometer von Milano entfernt - im süditalienischen Cilento - kommt Aniello nur selten ganz zur Ruhe. Ob auf der Bootstour entlang der herrlichen, rund 100 Kilometer langen Cilento-Küste, beim Auf und Ab mit dem Mountainbike oder am Pool seiner Azienda - das Handy ist, ganz italienisch!, immer dabei.

So bekomme ich auf der Bike-Tour durch den Cilento, den zweitgrößten Nationalpark Italiens, immer wieder Gelegenheit zum Verschnaufen. Aniellos Handy dröhnt los, und der Mann hält am Straßenrand, um wichtige Dinge zu bereden. Die willkommenen Zwischenstopps erlauben Aus- und Einblicke in die unerwartet üppige Flora des Cilento. Mit fortschreitender Höhe ändert sich die Vegetation. Waren es zunächst noch Obst- und Olivenhaine, passieren wir einige hundert Meter höher dichte Korkeichen- und vor allem Kastanienwälder. Rund zwei Millionen Esskastanien-Bäume soll es in der Region geben. Ihre Früchte (z.B. Maronen) werden in alle Welt exportiert. Über dem „Kastanien-Gürtel“ beginnt die Nadelwaldzone.

Weit über 70 Prozent des gut 180.000 Hektar großen Nationalparks sind unberührte Natur. Der Parco Nazionale del Cilento e Vallo di Diano wurde 1991 eingeweiht und 1997 von der UNESCO sogar zum Biosphärenreservat erklärt. Königsadler, seltene Schwarzkehlchen, Kormorane und Milane sind hier heimisch, ebenso Wölfe, Dachse und Wildschweine. Außerdem rund 60 Prozent aller italienischen Fischotter.



Der leckere Büffel-Mozzarela wird aus der Milch dieser Buffala hergestellt. Foto: Kay Thümmel

Auch bei der nächsten Steigung sind trotz gesenkten Radler-Blicks Knabenkraut, Wacholder Iris und Narzissen zu entdecken. Der Duft wilder Kräuter steigt in die Nase, wird aber bald abgelöst vom Geruch des Meeres, das von „Il Forno Antico“ rund 8 km entfernt ist. Ein großes Felsmassiv rückt ins Blickfeld, das Capo Palinuro. Das Kap ist teils mit Pinienwäldern bewachsen und fällt senkrecht zum Meer ab. Dem Dichter Vergil zufolge hat es seinen Namen vom Steuermann des Äneas, Palinuro, der vor der Küste hier Schiffbruch erlitt. Er rettete sich mühsam ans Ufer, um dort von wenig zimperlichen Bewohnern gemeuchelt zu werden. Heute hat diese Art des Empfangs keine „Tradition“ mehr, Palinuro ist nun die wohl bekannteste Baderegion des Cilento.

Unzählige Buchten, Strände und Landzungen rahmen das gewaltige Kalksteinmassiv ein, das über und unter dem Meeresspiegel von Höhlen durchlöchert ist (ca. 50). Ähnlich faszinierend wie die „Blaue Grotte“ von Capri ist die Grotta Azurra bei Palinuro. Dort kommt man mit dem Rad natürlich nicht hin, aber zum Arco Naturale. Hinter dem riesigen Felstor tut sich eine kleine, von steilabfallenden Felsen umsäumte Badebucht auf!

Nach kurzer Erfrischung und einer Begrüßung des „Polizeichefs“ von Palinuro, den mir Aniello Cusati wortreich vorstellt, geht es durch Obst-Plantagen und Olivenhaine zurück nach Hause, zur Azienda Agrituristica Il Forno Antico. Sie ist schon seit Generationen im Besitz der Familie Cusati. Nachdem Aniellos Eltern gestorben waren und sich die Kinder in alle Welt zerstreut hatten, drohte das Anwesen zu verfallen. Bis Aniello, mittlerweile Arzt, seine Liebe für das „Elternhaus“ wiederentdeckte. Seitdem floss so manches Honorar in die Sanierung und den Ausbau des Landgutes. Heute kann der Gast hier ein Art luxuriöser Ferien auf dem Bauernhof verbringen mit riesigem Swimmingpool, Tennisplatz und Reitstall. Allabendlich zaubern die guten Geister des Hauses ein fünfgängiges Menü aus allem, was die Ländereien und der riesige Gemüsegarten hergeben. Dazu wird frischgebackenes Brot aus dem Alten Ofen (Il Forno Antico) serviert, handgemachte Pasta und natürlich der berühmte Büffelmozzarella. Er stammt allerdings aus der Gegend um Velia (das antike Elea), einer Ausgrabungsstätte aus der Zeit der griechischen Besiedlung Italiens. Elea galt durch seine Philosophenschule als geistiges Zentrum der Magna Graecia. Hier verkehrten große griechische Denker wie Parmenides, aber auch Römer wie Cicero oder Brutus.

Auch dem, der wenig Kultur-Hunger verspürt, schmeckt sicher der Mozzarella di Bufala, der Ricotta oder der Yoghurt, die allesamt in der „Caseficio Chirico“ unweit des antiken Turms von Velia aus Büffelmilch produziert werden. Die Käserei erhält zweimal täglich Frischmilch von der nahegelegenen Büffelfarm, wo die eindrucksvollen Tiere gezüchtet werden.

Ursprünglich kommt der Mozzarella di Bufala aus der Region um Paestum, rund 50 Kilometer südlich von Salerno. Kurioserweise befindet sich hier ebenfalls eine berühmte griechische Ausgrabungsstätte, obwohl die Griechen sicher nicht die Erfinder des Büffelmozarellas waren. Die Langobarden sollen der Überlieferung nach die Büffel ins Land gebracht haben.

Die Leistung der Siedler aus Griechenland schmälert das nicht. Die drei Tempel von Paestum, die zu den besterhaltenen griechischen Tempeln überhaupt zählen, zeugen von der architektonischen und künstlerischen Fertigkeit und der hohen Kultur der Griechen. Einen Besuch wert ist neben dem riesigen Tempel-Areal auch das Museum. Hier kann man unter anderem das berühmte „Grabmal des Turmspringers“ bewundern, das auf kuriose Weise den Übergang des Menschen in eine andere, bessere Welt darstellt. Woran der junge Mann seinerzeit verstarb, ist ungewiss. Malaria? Nicht ausgeschlossen! - Paestum lag in einem Sumpfgebiet. Trockengelegt wurde es erst in der Neuzeit - unter Mussolini. Der italienische Diktator ordnete die Anpflanzung von Eukalyptus-Bäumen an, die dem Boden nach und nach die Feuchtigkeit entzogen.

Paestum, Velia und das wunderschöne Kartäuser-Kloster San Lorenzo bei Padula sind übrigens Grund dafür, dass der Cilento 1998 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.



Segler vor Steilküste. Foto: Kay Thümmel

Die Mischung zwischen Natur und Kultur, Moderne und Antike, Küste und Bergen ist es, die den besonderen Reiz der Region ausmacht. Selbst für Gastgeber Aniello zu beschwerlich ist eine Radtour auf den 1.700 m hohen Monte Gelbison. Und so geht es mit dem Auto hinauf. Die Luft ist feucht, Nebel wabert über die Straße. Es ist merklich kühl - recht angenehm nach der Hitze in der Küstenregion. Monte Gelbison, der „heilige Berg“, ist zwar nicht der höchste im Cilento, bietet aber neben der herrlichen Aussicht ein weiteres Highlight: Ein Kloster thront auf seinem Gipfel, das im Laufe der Jahrhunderte von Basilianer- und Celestiner-Mönchen bewohnt war. Von einem Besucherparkplatz aus führt ein Kreuzweg hinauf, der alljährlich von vielen Pilgern beschritten wird. Und so trifft man in luftiger Höhe fromme Italiener, aber auch religiöse Menschen und sonstige Touristen aus Indien, den USA, Deutschland und anderen Ecken der Welt.



Aniello tritt fleißig in die Pedalen und macht - typisch Italiener - Handy-Pausen Foto: Kay Thümmel

Aniello, der keine Gelegenheit auslässt, Werbung für seine Heimat zu machen, ist schnell mit ihnen im Gespräch. Er rät zur Besichtigung der Kapelle mit der schwarzen Madonna, für die das Kloster über die Grenzen hinaus bekannt ist. Und er führt die neugewonnenen Freunde zum Glücksfelsen, einem neben der steil abfallenden Klostermauer aufragenden Felsfinger. Wer es schafft, vom Geländer des Gipfelplateaus aus ein Geldstück punktgenau auf dem Fels landen zu lassen, kann auf die Erfüllung seiner Wünsche hoffen. Anderenfalls bedankt sich das Kloster, das vermutlich alle paar Monate jemanden abstellt, um vierzig Meter tiefer das Kleingeld aufzusammeln. Da das Kloster nicht mehr von Mönchen bewohnt und bewirtschaftet wird, ist man - zwecks Erhalt - für Zuwendungen aller Art dankbar.

Nach dem obligatorischen „caffé“, der auch in Kampanien (und dazu gehört der Cilento) jede noch so kurze Pause wert ist, geht es wieder ins Tal. Erst an den Devotionalien-Ständen vor dem Kloster vorbei und später an mehreren schöngelegenen Picknick- und Grill-Plätzen, die vor allem an den Wochenenden von Ausflüglern genutzt werden.



Der griechische Tempel von Paestum. Foto: Kay Thümmel

Außerhalb der italienischen Sommerferien hat man den Cilento fast für sich, dank des Nationalparks ist Massentourismus ein Fremdwort. Etwas lebhafter wird es im Juli und August, wenn Italien Urlaub macht. Selbst dann noch reizvoll ist Marina di Camerota, eine kleine Hafenstadt mit netten Plätzen, Bars und Cafes. Sie zählt zu den schönsten Küstenorten des Cilento und liegt etwa 15 Kilometer südlich vom Capo Palinuro. Ihr besonderes Flair beruht auf einem starken südamerikanischen Einfluss, der von Einwanderern und Heimkehrern herrührt.

An den malerischen Hafen von Marina de Camerota grenzt der gut besuchte „Stadtstrand“. Das ungewöhnlich saubere Wasser lädt zum Baden ein, doch Aniello Cusati hat besseres vor – eine Bootsfahrt entlang der Küste zum Meerespark Infreschi mit gleichnamiger Grotte und Naturhafen. In einer aberwitzigen Piratenbar bringen bekopftuchte Dreitagebärte kaltes Bier, Sardellen und Oliven oder das Frescele, ein mit Thunfisch, Tomaten, Olivenöl und Oregano garniertes Weißbrot. Es ist derart erfrischend, dass man kaum genug davon bekommt. Doch Aniello mahnt zu Vorsicht – nicht etwa wegen einer drohenden Seekrankheit. Nein, die Küchenchefin im „Il Forno Antico“ habe sich für den Abend wieder ein opulentes Fünf-Gänge-Mahl ausgedacht.

Tatsächlich müssen alle Gäste des Hauses, egal ob aus Belgien, England, Italien oder Frankreich, an diesem Abend kämpfen. Gottlob hilft Padrone Aniello mir und meiner Verdauung mit einem Grappa weiter. „Morgen gehen wir reiten“, grinst er. „Und wenn Du zu schwer bist, bekommst Du halt zwei Pferde!“ Salute!

 



Il forno antico. Foto: Kay Thümmel

Info:

Mit einer Qualitätsoffensive will die Tourismusbehörde Kampaniens den Cilento und die Region Salerno für den deutschen Gast noch attraktiver machen. Im Rahmen der Kampagne „Discover Italy in Campania“, die auch von der Handels- und der Landwirtschaftskammer Salerno unterstützt wird, werden Hotel, Restaurants und Campingplätze einer Prüfung unterzogen und zertifiziert.

Tipps:

Reisezeit: besser nicht im Juli/August (ital. Ferien)! Baden von April bis November möglich. Temperaturen z.B. im September: Luft ca. 26°, Wasser 24° C.

Wohnen: vor allem Pensionen, Ferienhäuser u. Agritourismus.

Azienda Agrituristica Il Forno Antico (1 Wo/HP p.P. ab ca. 375 EUR, teils inkl. Mietwagen).

Tel. 0039/0974/974 203

Anreise/Fortbewegung: Flug z.B. mit TUIfly von Köln nach Neapel (ab 19,99 EUR inkl. Steuern u. Gebühren, One-way). Vor Ort Mietwagen oder Bus - nach Neapel, Salerno, Paestum und Agropoli regelmäßige Verbindungen.

Strände: z.b. bei Casalvelino, Ascea und Palinuro (am Arco Naturale). Tolle Ausflugsbucht bei Porto Infreschi.

Ausflüge: z.B. nach Agropoli (Burg u. Altstadt), Paestum und Elea, aber auch nach Neapel und Pompeji. Trekkingtouren; Grottentauchen und Nachtfischen (Marina de Camerota).

Info-Adressen:

www.cilento-nationalpark.de

www.ilfornoantico.it (deutschsprachig!),

www.enit-italia.de

www.hlx.com

 






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